Über 100 Personen aus mehr als 30 Institutionen kamen am Mittwoch, den 04. März 2026 zur Fachtagung ins Quartiersbildungszentrum Morgenland, die sich dem Thema „Armutssensible Pädagogik: Haltung, Wissen, Handeln“ widmete.
Zahlreiche Mitarbeiter:innen aus Gröpelinger Kitas und Schulen, darüber hinaus auch aus Beratungs-, Sozial- und Freizeiteinrichtungen, dem Ortsamt West und dem Landesinstitut für Schule nahmen teil.
Schon vor Veranstaltungsbeginn nutzten viele der Teilnehmenden das Angebot des Get Together bei einem gemeinsamen Mittagsimbiss. Der freundliche und angeregte Austausch untereinander machte deutlich, wie stark die Vernetzung der Gröpelinger Bildungslandschaft über die Jahre gewachsen ist. Umso schöner, dass wieder ein Thema aufgegriffen wurde, mit dem die Kolleg:innen der Bildungseinrichtungen tagtäglich konfrontiert sind, nämlich die Armut vieler Kinder und Jugendlichen im Stadtteil.
Die stellvertretende Leiterin des QBZ Morgenland, Stefanie Becker, begrüßte die Teilnehmenden und moderierte durch die Veranstaltung.
Das Grußwort wurde von Bildungssenator Mark Rackles gehalten, der sich drei Monate nach seinem Amtsantritt freute, die Gröpelinger Bildungslandschaft und das QBZ Morgenland kennenzulernen. Er bedankte sich für die Einladung und hob das QBZ Morgenland als zentrale Einrichtung für die Vernetzung der Bildungseinrichtungen im Sozialraum hervor.
In Bezug auf das Thema der Fachtagung betonte der Senator, wie wichtig es sei, gute Zugänge zu Wissen zu schaffen. Ihn interessiere in diesem Zusammenhang die Abgrenzung von armutssensibler Pädagogik von Inklusion und Diversitäts-orientierten Pädagogik. Er betonte, dass es schließlich um die tatsächlichen Faktoren ginge, die die Bildungserfolge ermöglichen oder verhindern und die Frage danach, wo die Stellschrauben für eine Veränderung lägen. Er lud die Teilnehmenden explizit dazu ein, sich an der Offensive für mehr Bildungsqualität zu beteiligen.
Daran anschließend machte Frau Dr. Irina Volf, des Instituts für Sozialarbeit und Sozialpädagogik e. V. eine beeindruckende Einführung in das Thema der Armutssensiblen Pädagogik.
Bei Ihrem Vortrag bezog sie die Teilnehmenden über eine Mentimeter-Umfrage immer wieder in den Vortrag ein, indem sie nach Einschätzungen und Assoziationen zu Begriffen und den Zahlen der verschiedenen Armutsstatistiken fragte und die Ergebnisse mit Fakten abglich. So war es für viele Teilnehmenden überraschend, dass die ärmste Altersgruppe in Deutschland mit 25 % die 18–25-Jährigen sind und nicht wie in dem Mentimeter-Ergebnis, die ganz Jungen und ganz Alten.
Es ist wichtig für uns, die Ursachen und die Folgen der Armut zu unterscheiden, damit wir diesbezüglich unterschiedlich adressieren können: Wer kann die Ursachen bekämpfen und wer kann die Folgen mindern?!
Frau Dr. Volf stellte verschiedene Armutsbegriffe und -konzepte vor und betonte, dass Armutsstatistiken nicht auf Fakten, sondern auf politischen Entscheidungen beruhen und daher grundsätzlich zu hinterfragen seien.
Daher raten wir allen, dass sie, wenn sie miteinander über Lösungen diskutieren, sich zunächst darüber austauschen, von wo aus (Anmerk. Armutsbegriff) sie dabei ausgehen.
Sie erläuterte:
In Deutschland sind 14 Millionen Kinder von Armut betroffen, zwei Millionen befinden sich im Leistungsbezug. Von den 8,6 % Menschen, die Sicherungsleistungen in Deutschland beziehen ist also jeder dritte unter 18 Jahren. Das heißt auch, dass Strafmaßnahmen im Bereich der Mindestsicherung eben immer diese Kinder treffen.
Sie zeigte anhand vieler konkreter Gesetze und Maßnahmen aus verschiedenen Ressorts die strukturellen Festschreibungen von Armut:
Es mangelt dabei nicht an Erkenntnissen zum gesellschaftlichen Problem der Armut, das ist alles sehr gut erforscht. Es sind die politischen Entscheidungen, die dazu führen, dass die Armutsquote über viele Jahre auf hohem Niveau verharrt. Es braucht bei einem so komplexen gesellschaftlichen Problem politischen Willen auf unterschiedlichen Ebenen – vom Bund, von den Ländern und von Kommunen. Aber auch pädagogische Fachkräfte können einen Beitrag zur Armutsbekämpfung leisten, und zwar im Hinblick auf die Reduzierung von Armutsfolgen bei Kindern und Jugendlichen.
Anhand des Gelsenkirchener Modellprojekt „Zusi – Zukunft früh Sichern“ (https://www.rag-stiftung.de/foerderung/bildung/kitaprojekte/zusi-zukunft-frueh-sichern) stellte Frau Dr. Volf den „Lebenslagenansatz“ vor, der sich sehr gut dafür eigne, die Kinderrechte für jedes Kind realisierbar zu machen. Bei dem Ansatz gehe es um die Wahrnehmung, wie und ob Menschen mit den ihnen jeweils zur Verfügung stehenden Ressourcen zurechtkommen. Die armutssensible Pädagogik zielt darauf, vorhandene Barrieren zu erkennen und kreative Lösungsvorschläge zu entwickeln, um gegen Armutsfolgen vorzugehen. Dies wurde in der Workshop-Phase anhand von Praxisbeispielen vertieft.
Alles in allem brachte der 9. Ratschlag viele positive und praxis-bezogene Impulse zur Armutssensiblen Pädagogik in die Gröpelinger Bildungslandschaft, die in den unterschiedlichen Einrichtungen berücksichtigt werden sollten.
Wir müssen dabei immer ‚kindscharf‘ schauen, auf welche Ressourcen kann das Kind zugreifen.
Wenn die Ressourcen nicht beim Kind ankommen, dann ist es aus der Kindesperspektive schlussendlich egal, ob es in einer armen oder finanziell besser gestellten Familie aufwächst.
Wir müssen die Kinder früh fördern und das kontinuierlich. Armut ist ein hartnäckiger Brocken, der zu langbleibenden Folgen führen kann.
Die Kinder entscheiden sich in diesem Alter (4 Jahre), wenn sie frei wählen dürfen, eher für Aktivitäten, die sie bereits kennen. Daher ist es wichtig, Angebote zu schaffen, die nicht Genderstereotypen reproduzieren, sondern allen Kindern die Gelegenheit bieten, etwas Neues auszuprobieren und Spaß daran zu entwickeln.
Weiterführende Literatur:
Volf, Irina (2025): Kinder- und Jugendarmut: Ein Fakten- und Lebenslagencheck. In: Aus Politik und Zeitgeschichte: Jugend 2025. 75. Jahrgang, 36-37/2025, 30. August 2025. Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn. Online: https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/jugend-2025/570144/kinder-und-jugendarmut/
Volf, Irina (2023): Zentrale Befunde der Evaluation des Modellprojekts. In: Armutssensibles Handeln in Kindertageseinrichtungen. Zentrale Befunde und Impulse aus dem Modellprojekt “Zukunft früh sichern!”, zweite aktuallisierte und erweiterte Auflage, Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik e. V., Frankfurt am Main. Online: https://www.iss-ffm.de/fileadmin/assets/veroeffentlichungen/downloads/ISS-Armutssensibles-Handeln-in-Kindertageseinrichtungen-online.pdf
Institutionen können sich bei Fortbildungsbedarf zum Thema direkt an Frau Dr. Volf wenden, unter https://www.iss-ffm.de/themen/armut-und-armutsfolgen













